Das Aktuelle Ärgernis – Holderfeld

Die Bauarbeiten für den neuen Sportplatz sind mittlerweile nahezu abgeschlossen. Die Bagger vollenden das von den Sportlern initiierte und von der Stadt Tübingen finanzierte destruktive Werk. Der VEbTiL dankt für dieses besondere Geburtstagsgeschenk!

Historischer Text:

Das Holderfeld ist der letzte Rest einer ausgedehnten Offenlandschaft auf der Hochebene bei Waldhausen. Früher war das
große Gelände am Schönbuchrand ein Truppenübungsplatz. Durch die militärische Nutzung war ein ausgedehnter Ruderalbiotop entstanden, in dem zahlreiche Tier- und Pflanzenarten den ihnen zusagenden Lebensraum fanden.

“Von diesem artenreichen Tierreservat blieb jedoch nicht mehr viel übrig, nachdem dort vor 40 Jahren die Bauarbeiten
für den Stadtteil Waldhäuser Ost begannen. Nur das Holderfeld – eine letzte, etwa 200 Meter lange und 100 Meter
breite Restfläche zwischen dem SSC-Sportplatz und der Waldhäuser Straße. Und auch hier hätten die meisten
Bewohner wohl kaum überlebt, wenn sich nicht der Verein zur Erhaltung bedrohter Tierarten und ihrer Lebensräume
(VEbTiL) um sie gekümmert hätte” (Schwäbisches Tagblatt 15. 05. 2007).

Obwohl die ökologische Wertigkeit des Ruderalbiotops anerkannt ist, handelt es sich zwar um eine überplante und damit grundsätzlich bebaubare Fläche. Aber: Bei der Aufstellung des fast 30 Jahre alten Bebauungsplans vom 22. 01. 1980 wurden Aspekte des besonderen Artenschutzes unter dem Gesichtspunkt der Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts nicht berücksichtigt.

Die artenschutzrechtlichen Zugriffs- und Schädigungsverbote des § 42 Abs. 1 BNatSchG greifen für die in Anhang IV der FFH-Richtlinie aufgeführten und deshalb streng geschützten Arten sowie für die Europäischen Vogelarten:

  • Deutscher Sandlaufkäfer (letzter Nachweis 2005, Restpopulation unter der Nachweisgrenze nicht ausgeschlossen).
  • Zauneidechse
  • Nachtkerzenschwärmer
  • Gelbbauchunke (letzter Nachweis 2001, Verstoß gegen das Verschlechterungsverbot der FFH-Richtlinie, umgehende Wiederherstellungsmaßnahmen erforderlich!)
  • Haselmaus (von der Naturschutzverwaltung benannt, von einem Vorkommen entlang des Waldrandes ist auszugehen)
  • Vögel: zumindest Vermeidung von Störungen durch die Wahl des Eingriffszeitraums außerhalb der Brutzeit.
  • Früher war das Holderfeld noch für die Wechselkröte und sein großes Vorkommen des Laubfrosches weithin bekannt.

Nach Auffassung des Regierungspräsidiums Tübingen müsste auch für das Holderfeld eine Befreiung nach § 62 BNatSchG beantragt werden, wenn mit einem Vorhaben Beeinträchtigungen des Sandlaufkäfers (gemeint ist der Deutsche Sandlaufkäfer) oder anderer streng bzw. besonders geschützter Arten verbunden sind. Ob die Errichtung von Sportflächen ein überwiegendes oder gar zwingendes öffentliches Interesse nach § 43 Abs. 5 BNatSchG darstellt, ist zumindest fraglich (siehe Beantwortung der Anfrage der Stadt Tübingen vom 21.12.2006 durch das RP Tübingen, Ref. 55).

Bescheid RP 11.07.2008: Ob und in welchem Umfang bei einer Umsetzung der Sportstättenbaupläne Ausnahmeentscheidungen für die nach Anhang IV FFH-RL geschützten Arten erforderlich sind, lässt sich erst nach Kenntnis der konkreten Baupläne ermitteln (§ 43 Abs. 8 BNatSchG). In Rahmen einer Ausnahmeentscheidung wäre ggf. dann auch zu prüfen, ob zumutbare Alternativen für das Bauvorhaben vorhanden sind. Der Stadtverwaltung Tübingen ist diese Tatbestandsvoraussetzung für eine Ausnahmeentscheidung bekannt.

Die besonders geschützten Arten unterliegen nicht diesem strengen Schutzregime (§ 43 Abs. 5 Satz 5 BNatSchG 2007). Gesetzlich Besonders geschützt sind: Waldeidechse, Ringelnatter, Teichmolch, Bergmolch, Fadenmolch, Grasfrosch, Wasserfrosch,Schwarze Heidelibelle und andere Libellenarten, Schwarzbauchige Blattschneiderbiene, Zahntrost-Sägehornbiene, Großer Fuchs, Kleines Fünffleck-Widderchen, Hauhechel-Bläuling, Schwalbenschwanz, Kleines Wiesenvögelchen, Kleines Fünffleck-Widderchen, Echtes Tausengüldenkraut, Kleines Tausengüldenkraut, Fleischrotes Knabenkraut, Geflecktes Knabenkraut, Sumpf-Stendelwurz, Wilde Tulpe, Bauchige Windelschnecke (FFH-RL Anh. II: Tier- und Pflanzenarten von gemeinschaftlichem Interesse, für deren Erhaltung besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen).

Weitere Arten der Roten Listen: Erdbeerklee, Filz-Segge, Gelbe Segge

Der Gemeinderat trägt die Verantwortung dafür, ob er die Vorkommen dieser Arten gefährden will.

Gutachten 2007: Bei allen Szenarien, die eine Sportplatznutzung oder auch nur eine punktuelle sportliche Betätigung vorsehen, sind Lebensraumverluste im Sinne der Beschädigung oder Zerstörung von Nist-, Brut, Wohn- oder Zufluchtstätten besonders geschützter Arten bzw. Fortpflanzungs- und Ruhestätten streng geschützter Arten zu erwarten. In vielen Fällen wäre hiermit ein Erlöschen der Lokalpopulation verbunden, in Einzelfällen sogar der Fortbestand auf der gesamten Tübinger Gemarkung in Frage gestellt. Aus gutachterlicher Sicht wird empfohlen, das Vorhaben einer Sportplatznutzung auf dem Holderfeld nicht weiter zu verfolgen und stattdessen das Gebiet aufgrund seiner zumindest regionalen Bedeutung für den Arten- und Biotopschutz als flächenhaftes Naturdenkmal auszuweisen.

Wer immer noch glaubt, der Biotop sei einfach “zu verlegen”, irrt gewaltig. Es geht eben nicht nur um die “streng geschützten” Arten, sondern auch die “besonders geschützten” und die “Rote-Liste-Arten”. Hier die Toleranz von Sportplatzkritikern gegenüber Kindern abzusprechen (Leserbrief im Schwäbischen Tagblatt vom 26.11.2008) ist schon reichlich vermessen.

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